Drei kreative Väter

Hermann Henselmann (1905–1995)

Leitender Architekt des Haus des Lehrers

„Es gibt drei bedeutende Männer in Deutschland: Thomas Mann, Heinrich Mann, Henselmann!“ – Diesen Spruch pflegte Hermann Henselmann selbst bei vielen Gelegenheiten von sich zu geben. Ein Zeichen, dass Bescheidenheit nicht gerade seine größte Zier war!

Kein Wunder, er war der erste „Stararchitekt“ Deutschlands. Auch wenn Deutschland zu jener Zeit die Deutsche Demokratische Republik war und er als Hauptarchitekt in den 1950er- und 60er-Jahren diesen Staat mit seinen Bauwerken prägte. Oder: Der Staat prägte seine Bauwerke. Beides ist richtig, beides ist bis heute ein „Stempel“ in der Biographie Henselmanns, und beides macht sein Lebenswerk schwierig und kontrovers.
Unbestritten, Hermann Henselmann zählt zu den einflussreichsten und bekanntesten Architekten der DDR. Zunächst lernt er in Bernburg das Tischlerhandwerk, um den elterlichen Betrieb zu übernehmen, doch dann zieht es ihn nach Berlin, wo er an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule studiert. Er bricht das Studium der Innenraumgestaltung und Architektur vorzeitig ab, tritt aber bald Lehrjahre in einigen Berliner Architekturbüros an. Gleich sein erster eigener Auftrag erregt in der damaligen Architekturszene großes Aufsehen: Das Haus KenWin am Genfer See ist ein streng minimalistisches Gebäude, das stark an die Entwürfe seines Vorbilds Le Corbusier angelehnt ist.

Die Ära der Nationalsozialisten beendet die „moderne Architektur“ jäh, sie gilt als entartete Kunst. Hermann Henselmann wird als „jüdischer Mischling“ eingestuft, er darf nur sehr eingeschränkt arbeiten. Eines seiner Häuser sollte sogar abgerissen werden, weil es „fremde Einflüsse“ zeigte: Gemeint war damit wohl ein Flachdach!

Nach Kriegsende sein „Comeback“: Es zieht Henselmann in die Kommunistische Partei, in die SED, in den Regierungsbaurat und schließlich an die Staatliche Hochschule für Bildende Künste in Weimar, wo er zum Direktor ernannt wird. Mit der Gründung der DDR wird er 1949 Leiter am Institut für Bauwesen der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin. Durch seinen Erfolg mit dem Projekt Stalinallee wird er 1953 zum Chefarchitekten beim Magistrat von Groß-Berlin ernannt. Von 1964 bis 1967 leitet er das Institut für Typenprojektierung, an dem er sich der industriell ausgerichteten Produktion des Wohnungsbaus zuwendet. Bis 1972 ist er stellvertretender Direktor des Instituts für Städtebau und Architektur der Bauakademie. 1972 wird Hermann Henselmann pensioniert und wohnt unter anderem in einem der von ihm entworfenen Hochhäuser am Strausberger Platz in Berlin-Friedrichshain.
Er wird 90 Jahre alt. Von 1905 bis 1995 durchlebte er demnach das gesamte 20. Jahrhundert und seine Geschichte – mit zwei Weltkriegen, der Teilung Deutschlands sowie der Wiedervereinigung 1990.

Sein architektonisches Schaffen ist ebenso wechselhaft wie die Zeiten, in denen seine Häuser entstanden. Man könnte auch sagen: vielfältig. Buchstäblich über Nacht wird er mit dem ersten „sozialistischen“ Hochhaus an der Weberwiese 1952 zum „DDR-Baumeister“. Da aus der Sowjetunion architektonische Richtlinien in Richtung Klassizismus vorgegeben wurden, verkauft Henselmann seinen Entwurf des Wohnhauses bei der Präsentation wortreich als Anlehnung an Karl Friedrich Schinkel. Auch der „Zuckerbäckerstil“ der Türme am Frankfurter Tor in den 1950er-Jahren ist wohl in erster Linie eine Annäherung an die Wünsche seines Auftraggebers: der DDR-Regierung. Mit dem „Haus des Lehrers“ setzt Hermann Henselmann einen Paradigmenwechsel in der Baukunst der DDR – vom stalinistischen Neoklassizismus hin zu einer durch industrielle Bautechniken geprägten international orientierten Moderne. Um die stilistische Veränderung und den Auffassungswandel in seinem Lebenswerk richtig ermessen zu können, stelle man in Gedanken einmal seine Türme am Frankfurter Tor, gebaut von 1957 bis 1960, neben das Haus des Lehrers, gebaut von 1961 bis 1964 – Bauten wie aus grundverschiedenen Welten.

Der Architekt Rolf W. Eisentraut, der Ende der 60er-Jahre mit, beziehungsweise unter, Henselmann gearbeitet hat, beschreibt den DDR-Architekten in dem Buch „List und Schicksal der Ost-Moderne: Hermann Henselmann zum 100. Geburtstag“ folgendermaßen: „Da war Henselmann ein großer Meister, er konnte alles erklären, was auch immer passierte auf der Welt oder im Büro oder privat, er fand immer und überall dialektische Erklärungen grundsätzlicher Art“. Der Architekt war eben auch gut im Verkaufen seiner Ideen, im Ändern seiner Meinungen und Entwürfe, und schnell, wenn Rechtfertigungen gefragt waren. Mehr noch: Rückschläge begriff er als Herausforderungen, die Vorgaben und Änderungswünsche seiner Bauherren nahm er an und setzte sie um. Dass er dies mehr oder weniger bereitwillig tat, entsprang sicherlich seiner Weltanschauung, die seine Karriere auch begünstigte. Ein „Stararchitekt“ war er dennoch – seiner, aber auch anderer Meinung nach.

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Eine Portraitaufnahme von Herrmann Henselmann 1952.
© BArch, Bild 183-16383-0001/Zentralbild Gielow

Walter Womacka (1925–2010)

Künstler des Mosaiks „Unser Leben“

„Am Strand“ wurde millionenfach als Briefmarke gedruckt, „Unser Leben“ gilt als das flächenmäßig größte Kunstwerk Europas und prangt seit 1964 weithin sichtbar über dem Alexanderplatz: Somit kannte fast jeder in der DDR den Maler Walter Womacka. Kennzeichnend für sein bildnerisches Werk sind die zahlreichen baugebundenen Auftragsarbeiten, mit denen er sich dem sozialistischen Staat als systemkonformer Kunstschaffender empfahl und zu einem der wichtigsten Künstler der DDR wurde.

Nach einer Ausbildung zum Dekorationsmaler, zweijährigem Militärdienst und seiner Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft studierte der im heutigen Tschechien geborene Womacka zunächst Gebrauchsgrafik in Braunschweig. 1949 wechselte er zur Malerei und setzte sein Studium in Weimar, später in Dresden an der Hochschule für Bildende Künste bei Fritz Dähn und Rudolf Bergander fort. Noch als Student trat Womacka der SED bei.

1953 nahm er eine Assistentenstelle an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee an. Ab 1963 leitete er dort die Abteilung Malerei und wurde zwei Jahre später zum Professor berufen.

1968 übernahm Womacka das Rektorat an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee – eine Position, die er 20 Jahre ausüben sollte. Von 1959 bis 1988 war er zudem Vizepräsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR und damit an kunstpolitischen Weichenstellungen maßgeblich beteiligt. Mehrfach mit Kunstpreisen ausgezeichnet, durfte er zahlreiche Studien- und Arbeitsreisen auch ins westliche Ausland unternehmen.

Neben den baugebundenen, politisch-ideologisch aufgeladenen Werken und den Auftragsporträts prominenter Persönlichkeiten schuf Womacka bis ins hohe Alter eine Vielzahl freier Arbeiten. Seine Stadtansichten und idyllischen Landschaften, seine Seebilder und Blumenstilleben zeugen von einem inhaltlich wie technisch und stilistisch abwechslungsreichen Oeuvre. Mit seinem Gemälde „Am Strand“ (1962) gelang es ihm sogar, sich ins visuelle Gedächtnis einer ganzen Nation einzuschreiben: Millionenfach reproduziert und als Briefmarkenmotiv verkauft, avancierte es zu einer Ikone des ostdeutschen Sozialismus und machte seinen Schöpfer zu einem der bekanntesten Künstler in der DDR.

Neben seiner Lehrtätigkeit entstanden erste architekturbezogene Arbeiten an öffentlichen Gebäuden. So schuf er 1958 – „sehr zur Zufriedenheit der Genossen“, wie der Journalist Kito Nedo 2007 in einem Porträt für die Berliner zeitung schreibt – ein Natursteinmosaik für das Rathaus in Eisenhüttenstadt und 1961 ein Fenstertriptychon für die KZ-Gedenkstätte in Sachsenhausen. Es folgten 1962 drei Glasfenster für das Hauptgebäude der Berliner Humboldt-Universität. Gleichzeitig begann Womacka mit den Entwürfen für den Mosaikfries am Haus des Lehrers, den er 1964 vollendete.

In den folgenden Jahren erhielt Womacka weitere öffentliche Aufträge in Berlin. Die Gegend um den Alexanderplatz sollte nach der Gründung der beiden deutschen Staaten zum repräsentativen Zentrum Ostberlins ausgebaut werden. Kaum ein anderer Künstler hat das politisch exponierte Stadtviertel stärker geprägt als Womacka. Vom Staats- und Parteichef Walter Ulbricht gefördert, entwarf er – abgesehen vom Fries am Haus des Lehrers – großformatige, figurative Werke für das Staatsratsgebäude (1964), das DDR-Außenministerium (1967) und das Ministerium für Bauwesen der DDR (1968). Darüber hinaus gestaltete er den „Brunnen der Völkerfreundschaft“ auf dem Alexanderplatz (1970) und realisierte Arbeiten für das Haus des Reisens (1972) sowie den Palast der Republik: In dessen Galerie hing „sein großformatiger Propagandaschinken“, so Kito Nedo, mit dem Titel „Wenn Kommunisten träumen“ (1976).

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Walter Womacka im Portrait.
© Jens Schulz, (c) WBM

Kerk-Oliver Dahm (*1963 in Berlin)

Das Haus des Lehrers in neuem, altem Glanz

Unter Leitung des Berliner Architekten Kerk-Oliver Dahm wurde das Ensemble Haus des Lehrers & bcc im Jahr 2002 aufwendig saniert und modernisiert. Hierbei galt es, die Ansprüche aus Denkmalschutz und wirtschaftlichen Maßgaben in Einklang zu bringen. „Kongresshalle und Haus des Lehrers stellten uns vor eine Vielzahl spannender Probleme. Die meisten sehen gar nicht, was wir darin getan haben“, sagt Kerk-Oliver Dahm in dem Buch „List und Schicksal der Ost-Moderne: Hermann Henselmann zum 100. Geburtstag“.
Der Architekt richtete sich streng nach den Originalplänen von Henselmann, um dem Gebäude seine Authentizität wiederzugeben. Denn der Originalzustand des Hauses des Lehrers war längst Geschichte. „Über die Jahre gab es viele Verfälschungen. Da ein bisschen dran gebaut, dort ein bisschen gefummelt“, so Dahm. Am auffälligsten waren die DDR-typischen, braunen Fensterscheiben, die den Charakter des Hauses verändert hatten. Die Curtain-Wall-Fassade mit den meergrünen Brüstungsfeldern und schmalen Aluminiumprofilen setzte Dahm farblich in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Die braun verspiegelten Fensterscheiben, welche das Gebäude seiner silbrigen Anmutung beraubt hatten, wurden wieder durch Klarglas ersetzt.

Der beschädigte Womacka-Fries wurde in einer Quedlinburger Kunstglaserei restauriert. Da die im Haus tätigen Hausmeister über Jahre hinweg herausfallende Mosaiksteine gesammelt und im Keller aufbewahrt hatten, konnte ein Großteil des Frieses aus Originalteilen rekonstruiert werden.

Bei der Innensanierung des Haus des Lehrers war es zunächst erforderlich, zwei platzraubende Erschließungskerne zu entfernen, um eine nach heutigen Brandschutzerfordernissen gemäße Nutzung als Bürogebäude zu ermöglichen. So sind heute 70 Prozent der Fläche nutzbar, früher waren es nur 40 Prozent.

Mit Einbau eines zentralen Entschließungskerns mit infrastrukturellen und technischen Funktionen wurde eine komplette Neustrukturierung der einzelnen Geschosse mit einer Nutzfläche von jeweils rund 560 Quadratmetern ermöglicht. Sanitäranlagen, welche früher an der Südseite platziert waren, befinden sich nun im Verbindungstrakt zwischen den zwei getrennten Mieteinheiten pro Etage. Die Ebenen mit einem Achsmaß von 2,10 Metern und nur zwei tragenden Stützen lassen sich in unterschiedlich große Einheiten aufteilen. Pro Geschoss sind so bis zu 21 Büros möglich. Die beiden fensterlosen Ebenen hinter dem Fries eignen sich nach dem Umbau vor allem für Archiv- und Magazinzwecke.

Die Ausstattung aller Mieteinheiten mit Teppichboden, Teeküche und modernen Technikanschlüssen entspricht den üblichen Standards für Gewerbeimmobilien.
Auch die Kongresshalle erhielt wieder ihr Erscheinungsbild aus den Sechziger Jahren. Eine Besonderheit sind heute die flexiblen, gläsernen Trennwände, die den Raumeindruck erhalten, aber mehr Nutzung ermöglichen. Diese „Doppelschale im Zylinder“ gefällt Kerk-Oliver Dahme besonders gut. Eine große Herausforderung für den Architekten waren hier der Brandschutz und die Fluchtweganordnung.

Nach drei Jahren Bauzeit präsentierte sich das Ensemble Haus des Lehrers und bcc in neuem, also altem Glanz und wurde 2005 wiedereröffnet. „Am meisten faszinierte mich die komplexe Lösung für das Ganze“, sagt Kerk-Oliver Dahm über die Renovierung.

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Eine Portraitaufnahme von Kerk-Oliver Dahm.
© Klaus Baedicker, (c) WBM