Mosaikfries "Unser Leben"

Die berühmte Bauchbinde

Der Mosaikfries „Unser Leben“ gilt flächenmäßig als das größte Kunstwerk Europas. Zusammengesetzt aus rund 800.000 Einzelsteinen, erstreckt er sich über zwei Geschosse des von Hermann Henselmann am Alexanderplatz gebauten Haus des Lehrers. Walter Womacka entwarf und realisierte das mit sieben Meter Höhe und 125 Meter Länge monumentale Wandbild zwischen 1962 und 1964 in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern.

Dem Auftrag vorausgegangenen war ein vom DDR-Kulturministerium ausgeschriebener Wettbewerb. Bereits in den Bauplänen Henselmanns war ein umlaufender Fassadenfries in Höhe der 3. und 4. Etage vorgesehen gewesen, mit dessen Gestaltung Womacka schließlich federführend betraut wurde. In den beiden fensterlosen Stockwerken hinter dem Fries sollten die Magazinbestände der Pädagogischen Zentralbibliothek untergebracht werden.

Womacka fertigte zunächst einen Vorentwurf, in dem er die Menschheit in Bezug zu den vier Elementen – Feuer, Wasser, Erde und Luft – darstellte. Die Wettbewerbs-Jury lehnte seine Idee allerdings als zu „unmarxistisch und metaphysisch“ ab. Denn der Fries sollte, wie der Kunsthistoriker Elmar Kossel schreibt, Henselmanns kühles, „modernistisches Ensemble als ‚sozialistische Architektur’ kennzeichnen.“ Ziel war es, am Alexanderplatz als einem der zentralen und repräsentativen Orte im Berliner Ostteil pädagogisch in den Stadtraum einzugreifen und politische Botschaften zu propagieren.

In mehreren Entwurfsschritten entwickelte Womacka ein neues Konzept, das die Vorgaben des Auftraggebers nach einer klaren, inhaltlich deutlichen Bildsprache stärker berücksichtigte. In kräftigen Farben, flächigen Formen und schwarz-kantigen Konturen entwarf er einen Fries aus figürlichen Szenen und gängigen symbolhaften Motiven. Vorbild und Inspiration waren ihm die Wandbilder mexikanischer Künstler.

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Kriegserlebnisse und in festem Glauben an den Aufbauprozess in der DDR schuf Womacka das Idealbild eines friedvollen, modernen sozialistischen Staates. Es entstand das Panorama einer jungen, schaffensfreudigen und in Harmonie lebenden Gesellschaft, die zuversichtlich in die Zukunft blickt.

„Zu jener Naivität, die in der Darstellung mitschwingt, wäre ich heute nicht mehr fähig“, sinnierte Womacka in seiner 2004 veröffentlichten Autobiografie. „Müsste ich ein solches Wandbild heute gestalten, wäre es grüblerischer. Das ist aber grundfalsch. Ein solches Bild ist nichts fürs Museum. Es muss dekorativ, schmückend, optimistisch sein.“

Von den Berlinern spöttisch-liebevoll „Bauchbinde“ genannt, steht Womackas aus Glas-Emaille, Keramik und Blei gefertigtes Mosaikband heute zusammen mit Henselmanns Gebäudekomplex unter Denkmalschutz. Der Fries gilt in der Entwicklung der baugebundenen Kunst der DDR als richtungsweisend. Von 2001 bis 2004 wurde er im Auftrag der Berliner Congress Center GmbH und der WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH aufwendig restauriert.

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Das Haus des Lehrers mit dem Berliner Congress Center.
© Michael Lindner, (c) WBM
Die Nordseite

Die Nordseite des Frieses ist dem Bereich Forschung und Technik gewidmet. Dem wissenschaftlichen Themenkreis ordnet Womacka stellvertretend einen Arzt und einen Chemiker zu und reichert die Darstellung mit zusätzlichen Motiven wie Parabolspiegel und Antennenmast an. Demgegenüber steht der Ingenieur – zuweilen auch als Hommage an den Architekten Hermann Henselmann gedeutet – für die Welt der Technik, deren unbeirrbarer Zukunftsglaube sich im Bild der aufsteigenden Rakete im Hintergrund manifestiert.

Wissenschaft und Technik genossen in den sozialistischen Ländern einen besonderen Stellenwert. Die DDR verstand sich als ein Staat, der sich einem Sozialismus mit wissenschaftlicher Ausrichtung verpflichtet sah. Technische Entwicklung und naturwissenschaftliche Forschung sollten dazu beitragen, die Basis für industrielle Innovationen und wirtschaftliches Wachstum zu legen und die Überlegenheit des sozialistischen Gesellschaftssystems zu demonstrieren. Gerade in den 1960er Jahren, beflügelt durch große Fortschritte in der Raumfahrt, Computertechnik, Atomforschung und Automatisierung, verbreitete sich schnell der Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten menschlichen Erfindergeists. Staat und Partei leisteten dieser weit verbreiteten Zukunftseuphorie geschickt Vorschub und prägten den Begriff von der „wissenschaftlich-technische Revolution“.

Die Südwand

Die Südwand ziert eine ganzflächige Szene. Sie zeigt drei Werktätige, unter ihnen eine junge Arbeiterin und einen kräftigen Stahlkocher, im Gespräch mit einem Maler. Dieser ist im Begriff ein großformatiges Wandbild mit wenigen Pinselstrichen zu vollenden. Womackas Darstellung vereint zwei scheinbar verschiedene Lebenswelten: Kunst und Arbeit. Er lässt sie gleichberechtigt nebeneinander bestehen, sogar miteinander interagieren. Dahinter tritt die Vorstellung vom Künstler als einem der Gesellschaft Dienenden und Gestaltenden hervor, der genauso wie der Fabrikarbeiter seinen Beitrag zum Gelingen der sozialistischen Idee leistet. Ganz im Sinne der staatlichen Kulturpolitik scheint Womacka hier sein eigenes Tun im Bild zu reflektieren.

Offizielle Aufgabe von Kunst und Kultur in der DDR war, wie die Kunsthistorikerin Uta Grundmann schreibt, die „moralische[...], politische[...] und ästhetische[...] Erziehung der ostdeutschen Bevölkerung im Sinne der herrschenden Weltanschauung“ zu fördern. Das künstlerische Schaffen, so wurde es 1968 in der Verfassung verankert, sollte „auf einer engen Verbindung der Kulturschaffenden mit dem Leben des Volkes“ beruhen. Das harmonische Nebeneinander unterschiedlicher Berufsgruppen findet sich auch an anderen Stellen des Frieses wieder. Es kündet von der Verheißung einer klassenlosen Gesellschaft.

Die Ostseite

Eines der zentralen Themen des Ostfrieses ist die Völkerfreundschaft. Womacka entwarf zu dessen Illustrierung auf der linken Seite einen bunten Reigen figürlicher Szenen, in denen er Personen verschiedener Ethnien vereint. Deutlich schwingen hier jene humanistischen und antifaschistischen Ideale mit, denen sich der SED-Staat verschrieben hatte. Dazu gehörte auch die Unterstützung von Entwicklungsländern in ihrem Kampf um politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Wesentlicher Antrieb dafür war das Bestreben, den Sozialismus in die Welt zu tragen, verbunden mit der Hoffnung, durch außenpolitische Aktivitäten die völkerrechtliche Anerkennung der DDR als Staat zu beschleunigen.

Die weißen Tauben unterstreichen die friedliche Mission dieses Ansinnens. Sie leiten über zu der alles dominierenden Darstellung in der Mitte der Ostwand. Zu sehen ist dort ein bewaffneter Soldat der Nationalen Volksarmee, umgeben von einer junge Genossenschaftsbäuerin und einem Arbeiter, der eine große, rote Fahne schwingt. In ihrer Standfestigkeit und Gelassenheit wirken die drei Figuren wie die Stützen der sozialistischen Gesellschaft, gleichsam Schutz und Aufbruch personifizierend. 

Ein friedvolles Miteinander versinnbildlicht Womacka auch in der Darstellung des jungen Paares auf der Blumenwiese. Er zitiert hier im Übrigen spiegelverkehrt sein 1962 entstandenes Gemälde „Am Strand“, das in der Geschichte der DDR das am häufigsten reproduzierte Bild werden sollte.

Mit einer Szene aus dem Bereich des Sports führt Womacka am rechten Rand des Frieses ein weiteres wichtiges Thema ein und schlägt inhaltlich den Bogen zu den eingangs erläuternden Bildmotiven der Völkerverständigung. So galten die überaus erfolgreichen DDR-Sportler als „Diplomaten im Trainingsanzug“ und die sportlichen Wettstreits als Völker verbindende, friedliche Wettbewerbe.

Der Westfries

Der Westfries zeigt Szenen des vermeintlich alltäglichen Lebens in der DDR. Im Zentrum dieses Teilstücks steht ein junges Paar. Die Arme weit ausgebreitet, weist der Mann auf die Verbindung zwischen dem blühenden Baum links von ihm und den drei ineinander greifenden mikro- und makrokosmischen Modelldarstellungen rechts von ihm hin. Die junge Frau lässt unterdessen eine Friedenstaube fliegen, ein in der DDR omnipräsentes Symbol, das den Gedanken des Friedens mit jenem des gesellschaftlichen Aufbaus in eins setzte.

Um dieses zentrale Bildgefüge gruppieren sich die übrigen Szenen: die Mutter mit zwei Kindern vor einem Früchte tragenden Lebensbaum, eine naturwissenschaftliche Unterrichtsstunde, eine Brigadebesprechung sowie zwei Bauern bei der Ernte im Licht der aufgehenden Sonne – Sujets, die zum allgemeinen Themenrepertoire architekturgebundener Kunst in der DDR gehörten. Sie waren wie die Motive Friedenstaube, Lebensbaum und Sonne einer eindeutigen Lesart zugänglich. In realistisch anmutenden Erzählungen breitet Womacka den utopistischen Traum von einer zufriedenen, alle Klassenunterschiede überwindenden sozialistischen Gesellschaft aus.