Ein Haus mit Geschichte

Kreiseckig in die Zukunft

Als das Haus des Lehrers Anfang der 1960er-Jahre errichtet wurde, war es nicht einfach nur ein Haus, es war eine Zukunftsvision. Ein zum Alexanderplatz hin ausgerichtetes, strategisch günstig platziertes Zeichen, das demonstrieren sollte, dass die DDR ein progressiver Staat ist, der mit dem Westen durchaus mithalten könne. Als weithin sichtbare „Vorboten des Neuen“ besetzten das Hochhaus und die dazugehörende Kongresshalle einen höchst prominenten Ort – genau die Schnittstelle zwischen der von Osten her näher rückenden Magistrale Stalinallee beziehungsweise Karl-Marx-Allee und dem als nächsten Höhepunkt zu inszenierenden Alexanderplatz. Das Prestigeobjekt sollte ein architektonisch künstlerischer Wegbereiter in die internationale Moderne werden! Daher steht es heute auch unter Denkmalschutz.

Interessanterweise ließ die DDR-Regierung – deshalb oder trotzdem – dem Architekten Hermann Henselmann relativ freie Hand bei der Gestaltung dieses „Kulturhauses für Pädagogen“, ganz im Gegensatz zu seinen früheren als „Zuckerbäckerstil“ bekannt gewordenen Wohnhäusern in der Karl-Marx-Allee. Außerdem durfte er für den repräsentativen Bau aus dem Vollen schöpfen. Er setzte auf modernste technische Fertigungsweisen, hochentwickeltes Handwerk und Kunst am Bau: Der monumentale Fries von Walter Womacka prägt das Erscheinungsbild des Hauses in ganz besonderer Weise. Er macht den Bau erst zu einer „Gebäudepersönlichkeit“.

Das Ensemble Haus des Lehrers & Berlin Congress Center (bcc) umfasst vier Teile: das Hochhaus, die Kuppelhalle, den Verbinderbau und den Hofkeller. Das „Architekturkollektiv Henselmann“ schuf Baukörper aus einfachen geometrischen Formen, die spannungsvoll miteinander in Beziehung gesetzt wurden. Der Hoch- und der Flachkörper ergänzen und kontrastieren sich gleichzeitig in ihrer vertikalen und horizontalen Ausrichtung.

Das Haus des Lehrers und das Beriln Congress Center im Rohbau.
Die Baustelle 1963  © BArch, Bild 183-B0402-0007-003/Rudolf Hesse

Die Grundsteinlegung war am 12. Dezember 1961, eröffnet wurde das Haus des Lehrers nach 3 Jahren Bauzeit am 9. September 1964. Es war das das erste Hochhaus der DDR, das in Stahlbeton-Skelettbauweise und mit Curtain-Wall-Fassade errichtet wurde. Der 12-geschossige Hochbau ist 54 Meter hoch und hat eine Kastenform auf 44 x 15 Metern Grundfläche. Säulen im Erdgeschoss tragen die gesamte Konstruktion, aufgrund statischer Probleme wurden sie allerdings dicker als ursprünglich geplant. Der Baukörper sollte quasi über dem komplett verglasten Erdgeschoss „schweben“. Die vorgehängte Aluminium-Glas-Fassade, die dem Gebäude eine deutliche, optische Struktur verleiht, war eine technische Neuerung und wurde zum Exportschlager in andere sozialistischen Länder. Als Kontrast zur geometrisch streng gegliederten Fassade verläuft rund um das dritte und vierte Geschoss das riesige Mosaik Womackas, das im Volksmund „Bauchbinde“ getauft wurde. Dahinter verbarg sich ursprünglich die Bibliothek des Kulturhauses, die übrigen Räumlichkeiten dienten Schulungen oder Konferenzen. Auch ein Café war in dem damals öffentlich zugänglichen Haus untergebracht. Eine Besonderheit dieses Baus aus den 1960er-Jahren resultiert aus seinen ungewöhnlich hohen Geschosshöhen: Die heutigen Büros haben lichte Raumhöhen von über drei Metern.

Leicht nach hinten versetzt, platzierte Henselmann neben das streng rechteckige Hochhaus den kreisförmigen Kuppelsaal der damals so genannten Kongresshalle. Bei diesem Veranstaltungssaal, der für rund 1.000 Teilnehmer ausgelegt war, legte der DDR-Architekt besonderen Wert auf gute Akustik. Seit 2003 befindet sich hier das „bcc“ (Berlin Congress Center). Auf einer quadratischen Grundfläche stehend, ist die Außenhülle des Gebäudes mit Glas so transparent gehalten, dass die zentrale Zylinderform der kreisrunden Kuppel zur Geltung kommt. Die Halbkugel der Kuppel hat exakt den gleichen Durchmesser wie die Seitenlängen des Quadrates, nämlich 38 Meter. Die Kugelform bricht und kontrastiert somit die kantigen Formen: „Kreiseckig“ definiert die Ausgestaltung der Architektur! Henselmann führt dieses Formenspiel konsequent weiter. Im Inneren gestaltet er große, gewendelte Treppen, verwendet Muster aus Rechtecken und runden Elementen und fügt halbkreisförmige Türgriffe an. Die gesamte Gestaltung ist ein Zitat der Kuppel. Der Hauptsaal der Kongresshalle war für internationale Tagungen ausgerüstet, wurde aber auch für Konzerte, Bälle und andere Festlichkeiten genutzt. Im unauffällig gestalteten Verbindungsriegel zwischen Kongresshalle und Haus des Lehrers befanden sich zusätzlich ein „Gelber Saal“ mit 300 Plätzen sowie ein „Weißer Saal“ mit 250 Plätzen und Bühne.

Das Haus des Lehrers und die Kongresshalle sind fertiggestellt.
Berlin 1967  © BArch, Bild 183-F0314-0005-001/Stöhr

Auch im Außenbereich zieht sich die formale Architektursprache weiter durch: Im Zusammenspiel mit Wasserbecken, Hochbeeten, gläsernen Freiraumvitrinen und Fahnenmasten bilden die einzelnen Bauteile eine typische, ausladende Gebäudelandschaft, wie sie für die frühen Sechzigerjahre charakteristisch war.

Hermann Henselmann zog bei der Gesamtplanung des Komplexes „Haus des Lehrers“ alle Register der Nachkriegsmoderne im Sinne des Internationalen Stils. Auf die ihm wichtigen Formkontraste hat er mehrfach hingewiesen: „Durch die energische und sehr aktive Gliederung der Baumassen wurde gewissermaßen der musikalische Grundakkord angeschlagen. Er wird auch bei der Gestaltung der einzelnen Elemente des Gebäudes durchgehalten. Zu den betonten Vertikalen der Fassaden – das gelagerte Bildband, die gelagerte Kuppel. Zu der gläsernen Durchsichtigkeit der Wände – große geschlossene Flächen. Zu dem Viereck des [Kongress-]Foyers – das Kreisrund des Kongress-Saales“, schrieb der Architekt.

Nach dem Architekturkritiker Bruno Flierl markierte das Haus des Lehrers „den Schritt aus dem nationalen ins internationale Reservoir der Bilder“. Es wurde schnell zu einer städtebaulichen Landmark des Alexanderplatzes, und die Darstellungen des Hauses des Lehrers wurden rasch zu Ikonen, sie kamen beim Publikum an. Noch im Fertigstellungsjahr 1964 gewann eine lapidare Übereckablichtung des Hochkörpers im offiziellen Baufoto-Wettbewerb den ersten Preis. Auf dem dritten Rang landete eine Nachtaufnahme „Hochhaus und Kongresshalle vom Alex aus gesehen“, die nun mit ihrer gleißenden Illumination die eigentliche Sehnsucht jener Jahre verriet: Hinter den unendlichen Trümmerfeldern endlich ein bisschen Weltstadt-Flair! Nach der altväterlichen Biederkeit der Stalinallee waren solche klaren, luftigen und bei Nacht strahlenden Bauten, wie sie Hermann Henselmann und dahinter erst recht Josef Kaiser mit Kino International, Hotel Berolina und Ladenpavillons nun errichteten, geradezu ein Fanal. Sie waren in der Tat stark genug, ihre Benutzer in ein völlig neues Lebensgefühl mitzureißen: Zukunft war doch machbar!

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Haus des Lehrers und Berlin Congress Center vor blauem Himmel.
© Michael Lindner, (c) WBM