Zukunftweisendes Prestigeobjekt.
Anfang der Sechzigerjahre wurde in der DDR mit der grundlegenden Umgestaltung der östlichen Zentrumsareale ihrer "Hauptstadt" begonnen. Das Haus des Lehrers sowie die zu ihm gehörende Kongresshalle waren die ersten fertig gestellten Gebäude. Als weithin sichtbare "Vorboten des Neuen" besetzten sie einen höchst prominenten Ort genau die Schnittstelle zwischen der von Osten her näher rückenden Magistrale Stalinallee und dem als nächsten Höhepunkt zu inszenierenden Alexanderplatz.
Auf diese Vorläuferschaft bezog sich das Funktionsprogramm, das die DDR-Regierung als Auftraggeber dem Neubau vorgab: Man dachte an ein repräsentatives "Kulturhaus für Pädagogen", mit Räumlichkeiten für Weiterbildung und Freizeit. In den ersten beiden Obergeschossen des Hochhauses wurden ein Café und eine Gaststätte, beide waren für die Öffentlichkeit nutzbar, eingerichtet. In den zwei Etagen hinter dem Wandbild befand sich die Bibliothek. Die acht übrigen Geschosse wiesen nutzungsneutrale Großräume auf, die sich mit leichten Stell- und Faltwänden je nach Bedarf als Beratungs-, Schulungs-, Kabinett- oder Clubräume möblieren ließen.
Der mit einer flachen Kuppel von 38 Meter Durchmesser überwölbte Hauptsaal der Kongresshalle war für internationale Tagungen ausgerüstet. Er wurde aber auch für Konzerte, Bälle und andere Festlichkeiten genutzt. Im unauffällig gestalteten Verbindungsriegel zwischen Kongresshallle und Haus des Lehrers befanden sich weiterhin ein "Gelber Saal" mit 300 Plätzen sowie ein "Weißer Saal" mit 250 Plätzen und Bühne. Im Haus des Lehrers gaben weitläufige und überschwänglich bis auf den Boden verglaste Foyers das Gefühl, sich mitten in der Stadt zu bewegen. Diese enormen Glasflächen am Foyer des Hochhauses wie auch rund um die Kongresshalle galten als revolutionär, vermittelten sie doch ein vollkommen neues Raumgefühl.
Neben den materialtechnischen und konstruktiven Innovationen ist unschwer die Bereitschaft zu erkennen, sich fortan grundsätzlich wieder auf das Erbe der klassischen Moderne einzulassen. Nach dem Architekturkritiker Bruno Flierl markierte das Haus des Lehrers: "den Schritt aus dem nationalen ins internationale Reservoir der Bilder." Bereits ein aufmerksamer Rundgang vor Ort macht deutlich, wie sehr hier die Heroen der vornehmlich überseeischen Nachkriegsmoderne inspirierend gewirkt haben. Hochhaus, Kongresshalle und Verbindungsflügel sind funktional einleuchtend wie auch geometrisch spannungsreich miteinander verschränkt. Im Zusammenspiel mit Wasserbecken, Hochbeeten, gläsernen Freiraumvitrinen und Fahnenmasten bilden die drei Bauteile eine typische, ausladende Gebäudelandschaft im charakteristischen Stil der frühen Sechziger.
Der Architekt selbst hat auf die ihm wichtigen Formkontraste mehrfach hingewiesen: "Durch die energische und sehr aktive Gliederung der Baumassen wurde gewissermaßen der musikalische Grundakkord angeschlagen. Er wird auch bei der Gestaltung der einzelnen Elemente des Gebäudes durchgehalten: Zu den betonten Vertikalen der Fassaden das gelagerte Bildband, die gelagerte Kuppel. Zu der gläsernen Durchsichtigkeit der Wände große geschlossene Flächen. Zu dem Viereck des [Kongress-]Foyers das Kreisrund des Kongresssaales", schrieb Henselmann.
Die Darstellungen des Haus des Lehrers wurden rasch zu Ikonen, sie kamen beim Publikum an. Noch im Fertigstellungsjahr 1964 gewann eine lapidare Übereckablichtung des Hochkörpers im offiziellen Baufoto-Wettbewerb den ersten Preis. Auf dem dritten Rang landete eine Nachtaufnahme "Hochhaus und Kongresshalle vom Alex aus gesehen", die nun mit ihrer gleißenden Illumination die eigentliche Sehnsucht jener Jahre verriet: Hinter den unendlichen Trümmerfeldern endlich ein bisschen Weltstadt-Flair! Nach der altväterlichen Biederkeit der "alten" Stalinallee waren solche klaren, luftigen und bei Nacht strahlenden Bauten, wie sie Hermann Henselmann und dahinter erst recht Josef Kaiser mit Kino International, Hotel Berolina und Ladenpavillons nun errichteten, geradezu ein Fanal. Sie waren in der Tat stark genug, ihre Benutzer in ein völlig neues Lebensgefühl mitzureißen: Zukunft war doch machbar!


